Zuhause ist mehr als die eigene Wohnung

Viele Menschen wünschen sich, auch im hohen Alter möglichst lange selbstständig zu bleiben und in ihrer Wohnung verbleiben zu können. Dieser Wunsch ist verständlich. Die eigene Wohnung ist nicht nur ein Ort mit Möbeln und Erinnerungsstücken. Sie ist ein vertrauter Lebensraum. Hier kennt man die Wege, die Geräusche, die Nachbarinnen und Nachbarn, den nächstgelegenen Laden, die gut erreichbare Bushaltestelle und vielleicht auch die Bank vor dem Haus, auf der man sich kurz ausruhen kann.

Wohnen, Nachbarschaft und technische Unterstützung im Alter

 

Wohnen im Alter bedeutet mehr als Barrierefreiheit
Aus der gerontologischen Forschung wissen wir: Wohnen im Alter bedeutet weit mehr als in einer passenden Wohnung zu leben. Natürlich sind ein hindernisfreier Zugang, ein Lift oder ein barrierefreies Bad wichtig. Aber ebenso wichtig ist das Umfeld, in dem diese Wohnung liegt.

Eine altersfreundliche Wohnung in einem Umfeld ohne Einkaufsmöglichkeiten, ohne „erreichbaren“ öffentlichen Verkehr und ohne soziale Kontakte kann im Alltag schnell einschränkend sein. Deshalb muss Wohnen im Alter immer auch als Frage der sozialen Teilhabe verstanden werden.

Die vertraute Umgebung bleibt wichtig
Der Age Report V zeigt deutlich, wie stark ältere Menschen mit ihrem Wohnumfeld verbunden sind. Viele sind mit ihrer jetzigen Wohnsituation zufrieden und würden auch bei einem möglichen Umzug am liebsten in der vertrauten Nachbarschaft bleiben. Das ist ein wichtiger Befund, weil er zeigt: Ältere Menschen suchen im Alter nicht einfach irgendeine möglichst praktische Wohnform. Sie suchen Vertrautheit, Orientierung, soziale Nähe und Kontinuität.

Gerade im höheren Alter gewinnt die nahe Wohnumgebung an Bedeutung. Wenn die Mobilität abnimmt, wenn Wege beschwerlicher oder soziale Netzwerke kleiner werden, wird das Quartier wichtiger. Dann zählt, ob man jemanden im Haus kennt. Ob man sich im Wohnumfeld sicher fühlt. Ob man beim Einkaufen ein vertrautes Gesicht sieht. Ob es Orte gibt, an denen Begegnung möglich ist, ohne dass man sich dafür anmelden oder etwas organisieren muss.


Nachbarschaft als Ressource
Besonders interessant ist die Rolle der Nachbarschaft. In der öffentlichen Diskussion wird Nachbarschaft oft etwas romantisch verstanden: Man hilft sich, man kennt sich, man passt aufeinander auf. In der Realität ist Nachbarschaft vielfältiger. Manche Kontakte sind eng, andere bleiben oberflächlich. Manche Menschen wünschen sich mehr Austausch, andere möchten bewusst Distanz.

Und dennoch zeigt sich: Gute Nachbarschaftskontakte tragen wesentlich zur Wohnzufriedenheit bei. Nachbarschaft kann im Alltag Orientierung geben, Sicherheit vermitteln und kleine Formen der Unterstützung ermöglichen. Manchmal reicht schon ein kurzer Schwatz im Treppenhaus oder das Wissen, dass jemand da ist, wenn etwas passiert.

Altersfreundliche Quartiere entstehen nicht von selbst
Gute Alterspolitik beginnt deshalb nicht erst beim Umzug in ein Pflegeheim, sondern viel früher: bei Sitzgelegenheiten im öffentlichen Raum, erreichbaren Einkaufsmöglichkeiten, bezahlbarem Wohnraum, Quartiertreffpunkten, sorgenden Gemeinschaften und gut zugänglicher Beratung.
Altersfreundliche Gemeinden schaffen Bedingungen, damit ältere Menschen ihren Alltag möglichst selbstständig gestalten können. Dazu gehören nicht nur bauliche Anpassungen, sondern auch soziale Infrastrukturen: Begegnungsorte, Nachbarschaftsprojekte, Beratungsangebote und gut erreichbare Dienstleistungen.

Technik als zusätzliche Unterstützung im Alltag
Hinzu kommt heute eine weitere Dimension: Technik. Digitale Technologien können das selbstständige Wohnen im Alter unterstützen. Notrufsysteme, smarte Haustechnik, Sprachassistenzen oder Gesundheits-Apps können die Sicherheit erhöhen, Alltagsaufgaben erleichtern und zur Kontaktpflege beitragen. Ein Smartphone kann den Fahrplan anzeigen, den Kontakt zu Angehörigen ermöglichen, Termine organisieren oder den Zugang zu Dienstleistungen erleichtern.

Digitale Teilhabe ist stark gestiegen
Die Studie Digital Seniors 2025 zeigt, dass digitale Technologien heute für viele ältere Menschen selbstverständlich geworden sind. Die Internetnutzung durch ältere Menschen in der Schweiz ist in den letzten Jahren stark gestiegen; heute nutzen 89 % der 65-Jährigen und Älteren das Internet. Auch die Verwendung des Smartphones ist inzwischen für viele ältere Personen alltäglich geworden.
Das ist eine wichtige Entwicklung. Denn wer mit dem Internet und einem Smartphone umgehen kann, hat Zugang zu Informationen, Kommunikation, Dienstleistungen und Unterstützungsmöglichkeiten. Digitale Technik kann damit auch für das Wohnen im Alter eine wichtige Rolle spielen.

Technik ist aber kein Selbstläufer
Gleichzeitig zeigen die Daten auch: Technik erreicht nicht alle Menschen gleichermassen. Ein Teil der älteren Bevölkerung ist weiterhin offline oder nutzt digitale Angebote nur eingeschränkt. Besonders im hohen Alter, bei geringerer digitaler Kompetenz oder bei Unsicherheit gegenüber Technik können neue Hürden entstehen.
Digitale Fähigkeiten spielen somit beim (selbstständigen) Wohnen im Alter eine entscheidende Rolle. Denn wenn immer mehr Dienstleistungen digital werden, verändert sich auch der Alltag zu Hause. Wer online einen Termin buchen, eine Rechnung bezahlen, einen Fahrplan abrufen oder Informationen finden kann, erweitert seinen Handlungsspielraum. Wer dies nicht kann oder nicht möchte, läuft Gefahr, stärker von anderen abhängig zu werden.
Digitale Unterstützung kann also die Selbstständigkeit fördern. Sie kann aber auch zu einem „gesellschaftlichen“ Ausschluss führen, wenn analoge Alternativen verschwinden.

Technik soll ergänzen, nicht ersetzen
Deshalb sollten technische Lösungen im Alter nicht einfach nach dem Motto «mehr Technik hilft mehr» eingeführt werden. Entscheidend ist, ob die Technik verständlich, bezahlbar, sicher und alltagsnah ist. Sie muss zu den Bedürfnissen älterer Menschen passen. Und sie braucht Begleitung: durch Angehörige, Nachbarinnen und Nachbarn, Fachpersonen, Gemeinden, Beratungsstellen oder freiwillige Unterstützungsangebote.

Drei Dinge gehören zusammen
Aus meiner Sicht als Forscher in der Sozialen Altersarbeit lässt sich daraus eine einfache, aber wichtige Schlussfolgerung ziehen: Gutes Wohnen im Alter entsteht dort, wo drei Dinge zusammenspielen:

> Erstens braucht es eine Wohnung, die den Alltag erleichtert.

> Zweitens braucht es eine Nachbarschaft, die Orientierung, Zugehörigkeit und Unterstützung ermöglicht.

> Drittens braucht es Technik, die nicht ersetzt, sondern ergänzt.

Wohnen im Alter ist deshalb nicht nur eine Frage von Wohnraum oder Digitalisierung. Es geht um Teilhabe. Um Selbstständigkeit. Um soziale Einbindung. Und um die Möglichkeit, auch im Alter dort leben zu können, wo man sich zu Hause fühlt.

 

Die Aussagen in diesem Beitrag stützen sich unter anderem auf folgende Studien: